Frau Vasquez, was bedeutet die Diagnose «nicht heilbar» aus psychoonkologischer Sicht für Betroffene?
Für die meisten Menschen ist diese Diagnose auch angesichts der grossen medizinischen Fortschritte ein Schock. Die Ungewissheit über die verbleibende Lebenszeit und die Entwicklung der Krankheit belastet viele Betroffene. Viele kommen unmittelbar in einen Modus des Funktionierens. Termine, Therapien und Entscheidungen bestimmen den Alltag. Die Vorstellung, dass die Krankheit nicht geheilt werden kann, löst oft Trauer über verlorene Zukunftsperspektiven und Lebenspläne aus.
Welche seelischen Belastungen prägen das Leben mit Metastasen besonders?
Angst steht für viele im Zentrum: vor Verlaufskontrollen, Rückschlägen und dem, was kommt. Häufig treten Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen auf. Viele erleben zudem einen Verlust ihrer bisherigen Rolle, zum Beispiel wenn Arbeit wegfällt oder sich die Position in der Familie verändert. Das wirft Fragen nach Identität und Zugehörigkeit auf. Betroffene fühlen sich manchmal von der Gesellschaft isoliert oder stigmatisiert. Auch finanzielle Sorgen können belasten, etwa wenn das Krankentaggeld endet und eine IV-Rente nicht ausreicht.
Wie verändert sich der Blick auf die Lebensqualität, wenn die Krankheit chronisch wird?
Vergleichbar mit anderen chronischen Erkrankungen braucht es regelmässige Arztbesuche und immer wieder Anpassungen der Behandlung. Die Krankheit ist Teil des Lebens, soll den Alltag aber nicht dominieren. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen dem, worauf Betroffene Einfluss haben, und dem, was sich nicht steuern lässt. Akzeptanz spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie bedeutet, dem Thema einen Platz im Leben zu geben, ohne sich davon bestimmen zu lassen. Bewusst etwas geniessen, zum Beispiel ein feines Essen, ein Treffen mit Freund:innen oder ein Ruhetag im Bett. Wer nicht ständig gegen die Krankheit ankämpft, findet oft mehr innere Ruhe.
Wie helfen Sie Betroffenen bei Rückschlägen, emotional wieder Halt zu finden?
Sehr individuell. Viele Menschen haben in ihrem Leben bereits schwierige Situationen bewältigt. Wir schauen gemeinsam, was früher geholfen hat und was sich heute wieder aktivieren lässt, zum Beispiel Musik, Bewegung, soziale Kontakte oder ein Hobby. Kleine selbst gewählte Entscheidungen stärken das Gefühl von Kontrolle. Zentral ist auch, Betroffenen Raum für ihre Gefühle zu geben: über alles reden zu können, ohne verurteilt zu werden oder das Gegenüber schonen zu müssen.
Bei akuter innerer Unruhe helfen oft einfache Techniken wie Atem- oder Achtsamkeitsübungen oder bewusstes «Stopp»-Sagen, um Gedankenkreisen zu unterbrechen. Auch der bewusste Blick auf Positives kann stabilisieren, indem man sich am Abend fragt, was an diesem Tag gut war. Wichtig ist dabei, dass dies nicht als Erwartung oder Leistungsauftrag empfunden wird: Ständig stark zu sein oder positiv bleiben zu müssen, kann zusätzlich belasten.
Was hilft Menschen mit Metastasen, nach vorn zu schauen?
Ziele. Persönliche und realistische. Viele müssen sich neu orientieren, etwa wenn Arbeiten nicht mehr möglich ist. Gleichzeitig stellt sich die Frage, was man in der Zeit, die bleibt, noch erleben möchte. Manche knüpfen an frühere Interessen an, andere setzen neue Schwerpunkte. Ein Betroffener beginnt wieder zu segeln, ein anderer sammelt bewusst schöne Momente mit seinem Sohn. Solche Ziele geben Halt und Motivation. Bei vielen nehmen Ängste und Panikattacken dadurch ab. Entscheidend ist, dass die Krankheit in das Leben integriert wird. Sie ist da, bestimmt den Alltag, aber nicht mehr. Was dabei hilft, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.
