«Wir schaffen Raum für Genesung»
Was im ersten Moment nach einer medizinischen Diagnose aussieht, wird für viele auch zur finanziellen Krise. Damit Betroffene nicht zusätzlich in finanzielle Not geraten, begleitet sie das Team Persönliche Beratung & Unterstützung (PBU) der Krebsliga Zürich.
«Das Sozialversicherungssystem in der Schweiz ist komplex. Unsere Aufgabe ist, individuell zu klären, was Betroffenen zusteht», erklärt Andrea Bregger, Leiterin PBU. Gemeinsam prüft sie und ihr Team mit Betroffenen den Anspruch auf Lohnfortzahlung, Krankentaggeld, Ergänzungsleistungen oder im langfristigen Kontext auf Leistungen der IV. Bei Bedarf kann auch eine Brückenfinanzierung helfen, konkret für Fahrtkosten zu Therapien, Betreuungskosten für Kinder oder Selbstbehalte der Krankenkasse. Die Bewilligung dafür erfolgt möglichst zeitnah, innerhalb eines Monats. «Finanzielle Not betrifft längst nicht alle», sagt Bregger. «Aber für jene, die es trifft, ist Unterstützung essenziell. Studien zeigen: Wer durch die Erkrankung in finanzielle Not gerät, hat ein höheres Risiko, weniger gut oder langsamer zu genesen. Wenn die finanzielle Ebene geklärt ist, haben Betroffene den Kopf frei für ihre Behandlung. Oft ist das eine grosse Erleichterung. Wir schaffen damit Raum für Gesundung.»
Fachwissen als Schlüssel in komplexen Lebenslagen
Für eine zuverlässige Unterstützung sind Fachwissen und Erfahrung unabdingbar. Genau darauf ist das Team PBU spezialisiert: Alle Mitarbeitenden verfügen über fundiertes Wissen im Sozialversicherungsrecht. In besonders komplizierten Fällen ziehen sie eine Juristin der Krebsliga Schweiz bei. Allerdings ist das selten nötig, «weil unsere fachliche Kompetenz im Team hoch ist», so Bregger. Zwar blieb die Zahl der Ratsuchenden 2024 konstant, doch der Beratungsaufwand pro Fall hat spürbar zugenommen. «Prekäre Arbeitsverhältnisse, Trennungen und Mehrfacherkrankungen machen die Lebensumstände komplexer. Krebs ist oft nur ein Teil der belastenden Situation», sagt Bregger.
Um solche Herausforderungen rechtzeitig zu erkennen, steht ein neues Instrument zur Verfügung: das Screening-Tool der Krebsliga Schweiz. Es wurde mit Fachhochschulen und der Krebsliga erarbeitet und in Zusammenarbeit mit Spitälern getestet und evaluiert. Es hilft medizinischem Personal, soziale und finanzielle Risiken schnell zu identifizieren – idealerweise in den ersten sechs Monaten nach der Diagnose. «Wer sich in dieser Zeit bei uns meldet, kann Fristen einhalten und wirksam unterstützt werden», betont Bregger.
«Kündigungen möglichst vermeiden»
Ein zentrales Thema in der Beratung bleibt die Arbeit: Viele Betroffene ringen mit Fragen zum Wiedereinstieg, zur Kommunikation mit Arbeitgeber:innen oder zu Ansprüchen bei eingeschränkter Leistungsfähigkeit. «Unser Ziel ist es, eine Kündigung möglichst zu vermeiden. Ein langsamer Einstieg ist enorm wichtig. Idealerweise begleitet von einer offenen Kommunikation zwischen allen Beteiligten», sagt Bregger. Die Krebsliga Zürich begleitet nicht nur Betroffene, sondern bietet auch Schulungen für Führungskräfte an, um das Verständnis im Unternehmen zu fördern. Häufig geht es dabei auch um ganz praktische Fragen: Wie viel Offenheit ist sinnvoll? Wie lässt sich ein Pensum realistisch steigern? Was, wenn Teammitglieder mit Unsicherheit reagieren?
Was bleibt, ist Dankbarkeit
Oft fällt Betroffenen nach dem ersten Gespräch eine spürbare Last von den Schultern. Eine Klientin etwa war überzeugt, einen fünfstelligen Betrag an ihre Pensionskasse zurückzahlen zu müssen. Nach genauer Abklärung zeigte sich jedoch das Gegenteil: Sie bekam den Betrag ausbezahlt. «Solche positiven Erfahrungen geben den Betroffenen neue Zuversicht», weiss Bregger. Manche Ratsuchende geben ihre Dankbarkeit weiter, indem sie ihre Geschichte teilen, an Veranstaltungen mithelfen oder sogar Spendenaktionen starten. «Mein Büro ist voll von Dankesbriefen und Karten. Das berührt mich sehr», sagt Bregger.
