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Krebsliga ZürichWenn Krebs arm macht
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Wenn Krebs arm macht

15. Dezember 2025

Krebs trifft den Körper und oft auch das Portemonnaie. Warum eine schwere Diagnose nicht selten auch eine soziale Krise auslöst und wer besonders betroffen ist.

Wer an Krebs erkrankt, verliert nicht nur die Gesundheit, sondern häufig auch die Sicherheit: den Arbeitsplatz, das Einkommen, die finanzielle Unabhängigkeit. Dass eine Krebserkrankung häufig arm macht, ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem. Jede zweite betroffene Person in der Schweiz berichtet von sozialen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten, zusätzlich zu den körperlichen Belastungen. Jede vierte kündigt nach der Diagnose den Job oder wird gekündigt, häufig mit langfristiger Arbeitslosigkeit. Eine neue europäische Studie zeigt: Mehr als die Hälfte der Betroffenen verliert nach einer Krebserkrankung an Einkommen, in der Schweiz im Schnitt 1100 Franken pro Monat. Die Folge: wirtschaftliche Engpässe, was sich zusätzlich auf die Gesundheit auswirken kann, wenn beispielsweise Therapien abgebrochen oder Medikamente nicht mehr eingenommen werden.
 

Zwischen Jobverlust und Überforderung

Die Arbeitssituation ist ein häufiger Auslöser finanzieller Not. Viele Betroffene steigen aus Angst vor dem Jobverlust oder wegen fehlender Reserven zu früh wieder ein. Das schwächt die Genesung und führt zum erneuten Ausfall. Besonders verletzlich sind Personen ohne Erwerbsausfall- oder Krankentaggeldversicherung. Gerade kleinere Betriebe können oft keine flexiblen Lösungen für den Wiedereinstieg bieten. Wer vor der Diagnose Teilzeit arbeitete, erhält weniger Taggeld, mit existenziellen Folgen.

Wie Unterstützung gelingen kann, zeigt die Zürcher Kantonalbank. Sie ist in der Begleitung von langzeiterkrankten Mitarbeitenden – so auch von Krebsbetroffenen – bereits gut aufgestellt. Die Bank arbeitet mit einem professionellen Case Management und einem spezialisierten Care Team, welches Menschen in schwierigen Lebensphasen begleitet und unterstützt. Im September organisierte die ZKB gemeinsam mit der Krebsliga Zürich einen Informationsanlass. Die Mitarbeitenden der Bank erhielten dabei einen Einblick in das Unterstützungsangebot der Krebsliga, mit Fokus auf die Thematik «Arbeit und Krebs». Im Gespräch mit zwei betroffenen Mitarbeitenden wurde deutlich, wie entscheidend ein verständnisvolles und informiertes Umfeld für die Rückkehr in den Beruf ist. «Die intensive Auseinandersetzung mit der Thematik hat uns verdeutlicht, wie herausfordernd der Balanceakt zwischen Genesung und Arbeitsalltag ist», sagt Ann-Kathrin Greutmann aus dem Bereich Culture Development der Zürcher Kantonalbank. «Wir möchten unseren betroffenen Mitarbeitenden wertvolle Unterstützung bieten, indem wir eine offene Gesprächskultur sowie gezielte Aufklärung fördern.»


Besonders gefährdet: wer wenig Spielraum hat

Doch nicht alle Betroffenen haben ein stabiles Arbeitsumfeld im Rücken. Das Risiko, in eine prekäre Lage zu geraten, ist hoch bei Menschen mit wenig Absicherung oder Unterstützung.

Trotz der grossen Bedeutung der finanziellen Folgen wird das Thema häufig verdrängt – von Betroffenen ebenso wie von Fachpersonen. Genau hier setzt die Unterstützung der Krebsliga Zürich an.


«Wir schaffen Raum für Genesung»

Was im ersten Moment nach einer medizinischen Diagnose aussieht, wird für viele auch zur finanziellen Krise. Damit Betroffene nicht zusätzlich in finanzielle Not geraten, begleitet sie das Team Persönliche Beratung & Unterstützung (PBU) der Krebsliga Zürich.

«Das Sozialversicherungssystem in der Schweiz ist komplex. Unsere Aufgabe ist, individuell zu klären, was Betroffenen zusteht», erklärt Andrea Bregger, Leiterin PBU. Gemeinsam prüft sie und ihr Team mit Betroffenen den Anspruch auf Lohnfortzahlung, Krankentaggeld, Ergänzungsleistungen oder im langfristigen Kontext auf Leistungen der IV. Bei Bedarf kann auch eine Brückenfinanzierung helfen, konkret für Fahrtkosten zu Therapien, Betreuungskosten für Kinder oder Selbstbehalte der Krankenkasse. Die Bewilligung dafür erfolgt möglichst zeitnah, innerhalb eines Monats. «Finanzielle Not betrifft längst nicht alle», sagt Bregger. «Aber für jene, die es trifft, ist Unterstützung essenziell. Studien zeigen: Wer durch die Erkrankung in finanzielle Not gerät, hat ein höheres Risiko, weniger gut oder langsamer zu genesen. Wenn die finanzielle Ebene geklärt ist, haben Betroffene den Kopf frei für ihre Behandlung. Oft ist das eine grosse Erleichterung. Wir schaffen damit Raum für Gesundung.»


Fachwissen als Schlüssel in komplexen Lebenslagen

Für eine zuverlässige Unterstützung sind Fachwissen und Erfahrung unabdingbar. Genau darauf ist das Team PBU spezialisiert: Alle Mitarbeitenden verfügen über fundiertes Wissen im Sozialversicherungsrecht. In besonders komplizierten Fällen ziehen sie eine Juristin der Krebsliga Schweiz bei. Allerdings ist das selten nötig, «weil unsere fachliche Kompetenz im Team hoch ist», so Bregger. Zwar blieb die Zahl der Ratsuchenden 2024 konstant, doch der Beratungsaufwand pro Fall hat spürbar zugenommen. «Prekäre Arbeitsverhältnisse, Trennungen und Mehrfacherkrankungen machen die Lebensumstände komplexer. Krebs ist oft nur ein Teil der belastenden Situation», sagt Bregger.

Um solche Herausforderungen rechtzeitig zu erkennen, steht ein neues Instrument zur Verfügung: das Screening-Tool der Krebsliga Schweiz. Es wurde mit Fachhochschulen und der Krebsliga erarbeitet und in Zusammenarbeit mit Spitälern getestet und evaluiert. Es hilft medizinischem Personal, soziale und finanzielle Risiken schnell zu identifizieren – idealerweise in den ersten sechs Monaten nach der Diagnose. «Wer sich in dieser Zeit bei uns meldet, kann Fristen einhalten und wirksam unterstützt werden», betont Bregger.


«Kündigungen möglichst vermeiden»

Ein zentrales Thema in der Beratung bleibt die Arbeit: Viele Betroffene ringen mit Fragen zum Wiedereinstieg, zur Kommunikation mit Arbeitgeber:innen oder zu Ansprüchen bei eingeschränkter Leistungsfähigkeit. «Unser Ziel ist es, eine Kündigung möglichst zu vermeiden. Ein langsamer Einstieg ist enorm wichtig. Idealerweise begleitet von einer offenen Kommunikation zwischen allen Beteiligten», sagt Bregger. Die Krebsliga Zürich begleitet nicht nur Betroffene, sondern bietet auch Schulungen für Führungskräfte an, um das Verständnis im Unternehmen zu fördern. Häufig geht es dabei auch um ganz praktische Fragen: Wie viel Offenheit ist sinnvoll? Wie lässt sich ein Pensum realistisch steigern? Was, wenn Teammitglieder mit Unsicherheit reagieren?


Was bleibt, ist Dankbarkeit

Oft fällt Betroffenen nach dem ersten Gespräch eine spürbare Last von den Schultern. Eine Klientin etwa war überzeugt, einen fünfstelligen Betrag an ihre Pensionskasse zurückzahlen zu müssen. Nach genauer Abklärung zeigte sich jedoch das Gegenteil: Sie bekam den Betrag ausbezahlt. «Solche positiven Erfahrungen geben den Betroffenen neue Zuversicht», weiss Bregger. Manche Ratsuchende geben ihre Dankbarkeit weiter, indem sie ihre Geschichte teilen, an Veranstaltungen mithelfen oder sogar Spendenaktionen starten. «Mein Büro ist voll von Dankesbriefen und Karten. Das berührt mich sehr», sagt Bregger.


«Ich dachte, nach den Sportferien bin ich wieder im Schulzimmer»

Als Michelle die Diagnose Brustkrebs erhält, ist sie alleinerziehend und berufstätig. Schnell wird klar: Die Krankheit bringt nicht nur körperliche Erschöpfung, sondern auch Geldnot. Wie sie finanziell durchhielt und wie die Krebsliga Zürich sie dabei unterstützte.

Michelle ist 43, lebt mit ihren beiden Söhnen allein und teilt sich ein Lehrpensum mit einer engen Kollegin. Immer zuversichtlich, immer in Schuss. Die Diagnose im Januar 2023 trifft sie zwar unerwartet und heftig, doch auch da denkt sie: Ich lass mich operieren, und dann bin ich nach den Sportferien zurück im Schulzimmer. Aber es kommt anders: Operationen, Chemotherapien und Bestrahlung zwingen sie in eine lange Pause. «Meine Schulleiterin hat mir von Anfang an den Druck genommen», erzählt Michelle. «Sie sagte: Du bist jetzt weg. Denk nicht daran, was du zurücklässt.» Michelle denkt trotzdem ständig an ihre Schülerinnen und Schüler, ihre Stellenpartnerin, ihre Rolle. Am Ende fällt sie ein ganzes Jahr komplett aus.

Im Frühling 2024 wagt Michelle den ersten Versuch zurück in den Beruf – obwohl sie körperlich und mental noch nicht bereit ist. Die Fatigue ist stark, kurz zuvor wurden ihr zusätzlich die Eierstöcke entfernt. «Ich wollte funktionieren, habe mich überfordert.» Auch finanziell steht sie unter Druck: Nach einem Jahr Krankheit wird nur noch 70 Prozent ihres halben Pensums bezahlt. «Ich wusste: Wenn ich jetzt nicht in die Arbeit zurückfinde, wird es knapp.» Gleichzeitig plagt sie ein schlechtes Gewissen gegenüber ihrer Stellenpartnerin. «Ich fühlte mich, als hätte ich sie im Stich gelassen.» Und sie spürt den gesellschaftlichen Druck, schnell wieder leistungsfähig sein zu müssen. «Ich habe zu wenig auf mich gehört.» Der Versuch scheitert.

Die finanziellen Sorgen wachsen. «Ich habe mich oft gefragt: Wann kann ich wieder für mich und meine Jungs sorgen?» In dieser Zeit wird Edith Greiner, Psychoonkologin der Krebsliga Zürich, ein wichtiger Anker. Sie spürt Michelles Belastung und bringt sie mit dem Team Beratung & Unterstützung in Kontakt. Entscheidend ist, dass die Krebsliga die Kosten für die Kinderbetreuung ihres jüngeren Sohnes übernimmt. «Nur so konnte ich überhaupt zu den vielen Arztterminen gehen.» Auch bei den Krankenkassenkosten wird sie entlastet. «Es war nicht leicht, nochmals um Hilfe zu bitten. Aber es war notwendig.»

Nach dem gescheiterten Arbeitsversuch ermutigt die Schulleitung Michelle, es zu einem späteren Zeitpunkt nochmals zu probieren, mit einem vorsichtigen Aufbau und reduzierten Pensum. Gemeinsam mit einer Case Managerin des Volksschulamts und Edith Greiner von der Krebsliga Zürich wird ein neuer Rahmen geschaffen. «Diesmal wurde nicht nur gefragt, ob ich arbeiten will, sondern ob ich auch wirklich kann. Es ging um meine Gesundheit, meine psychische Verfassung und auch um die Finanzen.»

Dann folgt der nächste Rückschlag: Der Kanton kündigt ihre Anstellung. Nach zwei Jahren Krankheit ein formaler Akt, für sie jedoch ein emotionaler Tiefpunkt. «Ich fühlte mich als Versagerin. Es sind viele Tränen geflossen.» Ihre Schulleiterin bleibt auch jetzt an ihrer Seite und hat Erfolg: Seit den Sommerferien 2025 steht Michelle als Lehrperson für Integrative Förderung und Deutsch als Zweitsprache wieder im Klassenzimmer. «Wieder bei meinen Schülerinnen und Schülern zu sein, bedeutet alles für mich».

Finanziell jedoch bleibt es eng. «Ich habe gelernt, mit wenig zu leben. Kein Auto, keine teuren Hobbys, eine günstige Wohnung.» Sie sei achtsamer geworden. «Dankbar für einen Kaffee in Ruhe. Für ein Abendessen mit meinen Jungs.» Der Lebensstandard habe sich verändert, «aber ich fühle mich freier, weil ich gelernt habe, was wirklich zählt.» Was sie während der schweren Zeit getragen hat? Spaziergänge im Wald. Musik. Ihre Söhne, ihre Eltern, Freundinnen und Freunde sowie die Unterstützung der Krebsliga Zürich. «Ich hätte nie gedacht, dass ich ein zweites Jahr krank bin. Das Leben hat mich vieles gelehrt. Und es hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, Schamgefühle loszulassen. Man darf Hilfe annehmen – finanziell, aber auch im Alltag.»